Text von Maren Lübbke-Tidow zu den gezeigten Arbeiten von Samira Engel im Rahmen der BTBB Kunstpreisträger*Innen Ausstellung Shiny Glamour and Fancy Shit vom 18. September bis 17. Oktober 2020 im Eiermannbau in Apolda:

Also nicht irgendwas Versponnenes oder gar Ausgedachtes, so daneben und höflich. „

„Es gibt ein tolles Zitat von Isa Genzken über ihre skulpturale Praxis, an das ich denken muss, wenn ich die Arbeiten von Samira Engel betrachte: „Ja, und ich habe auch immer gesagt, dass man mit jeder Skulptur formulieren können muss: Das ist zwar kein ready-made, aber es könnte eines sein. So muss eine Skulptur aussehen. Sie muss einen gewissen Realitätsbezug haben. Also nicht irgendwas Versponnenes oder gar Ausgedachtes, so daneben und höflich.“(1) Ich würde unterstellen, dass Samira Engel eine ganz ähnliche Auffassung von ihrer künstlerischen Praxis hat, denn genau wie bei Isa Genzken ist bei ihr der Alltagsbezug immer da – ohne ihn zur bestimmenden Lesart zum Beispiel ihrer Skulpturen werden zu lassen. Die kalten, oftmals metallischen Objekte, die sie auf ausgeschüttetem Teer platziert oder von der Decke hängt, verbergen zwar nicht, was sie sind oder ursprünglich waren (zum Beispiel ein Kinderwagen, eine Rollator, Halteriemen und -stangen), in der Art der skulpturalen Umformung oder Verdichtung jedoch werden sie zu etwas anderem: zu eigenen ästhetischen Zeichen und zugleich dysfunktionalen Objekten, mit denen Atmosphären des Abseitigen, Untergründigen oder auch des Brutalen an die Oberfläche geschwemmt werden. Anstatt es aber bei dieser skulpturalen Setzung zu belassen, kombiniert die Künstlerin diese Arbeiten etwa mit Filmmaterial auf Banner-artigen Screens wie wir sie aus der Werbung kennen, in denen die von ihrem Alltagsgebrauch verfremdeten Objekte in einer Art des absurden Theaters etwas aufführen, was an ihren oftmals hilflosen oder vergeblichen Gebrauch denken lässt. Dabei bezeichnet Samira Engel ihre Metallobjekte als „Gehilfen“ oder „Gefährten“, mir fällt jedoch zuerst der klinischere Begriff der „Prothese“ ein (Franz West und seine „Passstücke“, gern auch als „Ersatzstücke“ bezeichnet, lassen grüßen). Trendgemäß würde man aber vielleicht auch von Daily Devices sprechen. Mit der Prothese jedenfalls sollen Handlungen oder Aktionen möglich werden, die ohne sie nicht eigenständig ausgeführt werden können – etwa sich in der U-Bahn oder an einem Rollator festhalten, um nicht zu fallen. Dabei ist der Prothese der Charakter des Funktionellen eingeschrieben – und vielleicht muss sie deshalb auch nicht gut oder „menschlich“ aussehen, sondern trägt von vornherein ein Klima der Kälte in sich. Apropo Kälte: Eine Prothese kann auch ein Beißkorb sein, der wiederum in einer neuen Fotoserie der Künstlerin zum Auslöser von performativen Handlungen wird, indem sie ihn nicht etwa jenen aufsetzt, die sie tragen müssen – Hunden –, sondern Menschen, denen die Künstlerin in nächtlichen Spaziergängen in Wien begegnete. Samira Engel zwingt die Menschen also in ihre „Hundigkeit“ (VALIE EXPORT und ihre „Mappe der Hundigkeit“ von 1969 lässt grüßen). Abermals gelingt es ihr, aus dem Reich des Unbewussten Atmosphären des Bizarren oder der Groteske auftauchen zu lassen, Atmosphären, die mit einer Audioarbeit nochmals klanglich verstärkt werden. Man könnte jetzt glauben, dass alles das, was die Künstlerin tut, mit einer Kritik am sozialen Alltag und unseren (auch absurden) Handlungen in ihm angereichert wäre. Aber auch wenn ein solches Verständnis ihrer Arbeit sicher möglich ist, so scheint es mir vielversprechender, mit „Shiny Glamour and Fancy Shit“ in die Abgründe der menschlichen Existenz zu tauchen und zu erkunden, zu welchen Objekt gewordenen Phantasien sie imstande ist, die wie selbstverständlich in den Alltag inkorporiert werden und in performativen Akten immer wieder neu erprobt werden. Samira Engel jedenfalls fischt zielsicher genau diese abgründigen Objekte (oder menschengemachten Prothesen des Alltags) heraus und verwandelt sie eben nicht in etwas daneben-höflich Versponnenes oder gar Ausgedachtes, sondern in Skulpturen und andere Arbeiten, die uns unseren Alltag und unseren Abgrund und wie wir beides tagtäglich erleben, vor Augen führen. In Gesten der Vergeblichkeit sind wir fortwährend damit beschäftigt beides zu händeln – oder auch an ihnen zu scheitern.

Der Moment des Komischen ist in diesem Zusammenhang sicher nicht die erste Intention der Künstlerin. Aber den Mechanismus des Lachens zu provozieren ist definitiv ein weiteres performatives Element der Arbeit, dass die Künstlerin erst in Zusammenhang mit der Aufführung ihrer Arbeiten in Ausstellungen provoziert. Denn Samira Engel interessiert die „dem menschlichen Handeln immanente Performativität“, die sie an allen Stellen sieht und für ihre Arbeit ausreizt. Deshalb hätte ich „Shiny Glamour and Fancy Shit“ sehr gern life gesehen: um mich zu fürchten und um über meine Furcht in Gelächter auszubrechen.“

Maren Lübbke-Tidow

(1) Vgl. Wolfgang Tillmans im Interview mit Isa Genzken, in: Camera Austria International (Graz), Nr. 81/2003, S. 7–18.

https://www.uni-weimar.de/born-to-be-bauhaus/artist/samira-engel-1